Rezension: Kein Befehlen, Kein Gehorchen!

Die Geschichte der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands seit 1918.
Kein Befehlen, Kein Gehorchen! Die Geschichte der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands seit 1918.
Der Titel des neusten Werks von Historiker Helge Döhring spricht für sich: „Kein Befehlen, Kein Gehorchen!“ war und ist das Motto der libertären Jugend.
In seiner Einleitung gibt der Autor dem Leser schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf dieses Allroundwerk.
Der erste und größere Teil beschreibt den Werdegang der SAJD von ihrer Gründung über die Rivalitäten mit den Jugendverbänden der politischen Gegner bis hin zur Zerschlagung durch den Faschismus. Hierbei versteht es der Autor einerseits einen klaren und sachlichen Überblick über die Strukturen und die verschiedenen Gruppen zu geben; andererseits wird dies immer wieder aufgelockert durch Geschichten und Anekdoten von einzelnen Aktivist*inn*en und Aktionen.
Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit der Entwicklung der Jugendbewegung nach 1945. Nach einem kurzen und ernüchterndem Intermezzo von Organisationsversuchen 1949 (Föderation Freiheitlicher Jung-Sozialisten) und 1979 (Libertäre, Anarchistische Jugend) wird das Augenmerk erst auf die ASJ Stuttgart und später dann auf die noch heute aktiven ASJ-Gruppen gelegt. Gerade die Kapitel über die bestehenden ASJ-Strukturen geben einen sehr guten Überblick über die gesamt Struktur einerseits und die einzelnen, unabhängig arbeitenden Gruppen anderseits.
Die beachtliche Quellenarbeit schlägt sich in dem Kapitel über die SAJD nieder, das sich trotz der vielen Quellenangaben sehr flüssig lesen lässt. Zusätzlich wird das gesamte Buch durch viele Abbildungen aufgelockert.
In einzelnen Kapiteln werden exemplarisch die Entwicklungen verschiedener Regionen dargestellt; besonders überraschend sind die gemeinsamen Aktionen der SAJD Köln und den Edelweißpiraten in Köln und dem Rheinland. Zudem organisierte die Kölner Ortsgruppe öffentliche Vorträge mit Erich Mühsam und Rudolf Rocker. Auch wurden Veranstaltungen zu damals sehr brisanten Themen wie Schwangerschaftsabbruch und Verhalten bei Verhaftungen abgehalten.
Auch hier gelingt es dem Autor ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den reichsweiten Strukturen und persönlichen Schicksalen einzelner Aktivist*inn*en zu finden. Dies ist ein Grund warum das Buch dem Leser die Geschichte der SAJD so lebendig erscheinen lässt. Mit dem sich abzeichnenden Ende der Weimarer Republik verstärkt sich auch die Repression und Übergriffe politischer Gegner; hierauf wird mit der Gründung der „Schwarzen Scharen“ reagiert.
In einem Polizeibericht heißt es: „Gemeinsames Merkmal der Kleidung der Schwarzen Scharen ist das schwarze Hemd, oder die schwarze Bluse.[…] Zur Ausrüstung gehören ferner ein Koppel und Schulterriemen; das anarchistische Symbol der Gegnerschaft gegen Rechtsordnung und Staatsgewalt, die Darstellung eines zerbrochenen Gewehrs befindet sich auf den Koppelschlössern und auf der Mützenkokarde.
Hier der Verweis auf weiterführende Literatur: „Schwarze Scharen: Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929 – 1933)„, erschienen im Verlag Edition AV (2011).
Zum Ende des ersten Teils fasst der Autor die Gründe für den Niedergang der SAJD zusammen. Diese sind neben dem Abflauen der gesamten anarcho-syndikalistischen Bewegung in Deutschland die wachsende Repression von Staat und Zentralgewerkschaften sowie der Fakt, dass immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt wurde, was zu geringerer Eigenmotivation führte. Des Weiteren verließen viele Aktivist*inn*en mit zunehmendem Alter die SAJD und Organisierten sich in den FAUD-Ortsgruppen. Wie auch in der „Erwachsenen-Organisation“ FAUD wanderten manche Aktive der SAJD zu konkurrierenden Gruppen und Parteien ab. Trotz dieser Defizite dürfen die Leistungen nicht unterschlagen werden: Die SAJD „bot stets eine tatsächlich antiautoritäre Alternative für die Jugendlichen und wirkte als persönlichkeitsförderndes Sozialisationsbecken mit sozial-psychologischer Funktion, indem sie das Gemeinschaftsgefühl herstellte und stärkte, dem Willen nach Protest und gesellschaftlicher, wie individueller Veränderung einen auch emotional aufgeladenen Ausdruck zu geben verstand“.
Im Vergleich zu der umfassenden Quellenanalyse zur SAJD und den Interviews der ASJ werden die Föderation Freiheitlicher Jung-Sozialisten (FFJS), 1949-1952, sowie die Libertäre Jugend 1979 sehr schnell abgehandelt. Dem Leser*der Leserin stellt sich die Frage, ob dies wirklich ein so dunkles Kapitel der Anarchosyndikalistischen Jugendbewegung ist? Oder gibt es dort noch heute vergessene Strukturen, die es noch zu erforschen gilt?
Umso erhellender ist das Kapitel über die ASJ Stuttgart, das Kapitel mit einem anschließenden Interview der ASJ Berlin mit einem ehemaligen Stuttgarter Aktiven machen richtig Lust auf mehr.
An dieser Stelle sei auf das 2009 erschienene Buch „Eine Revolution für die Anarchie! Die anarcho-syndikalistische Jugend (ASJ) im Großraum Stuttgart 1990-1993“ verwiesen.
Nach diesem gelungenen Auftakt geht der Autor weiter und formuliert „ausgehend von den Erfahrungen der letzten 100 Jahre“ Eckpunkte für eine Erneuerung der Jugendpolitik. Dies bildet den Übergang zur wissenschaftlichen Analyse der bestehenden ASJ. Mithilfe der vom Autor geführten Interviews mit einzelnen Gruppen und der Auswertung verschiedener Texte und Internetauftritte zeichnet Helge Döhring als Erster das Entstehen der Anarchistisch-Syndikalistischen Jungend (ASJ) regional und bundesweit nach.
Auf einen Blick schnell zum Nachschlagen oder lange zum Stöbern, fasst der Autor seine Ergebnisse der Quellenarbeit und der Interviews bezüglich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Gruppen von 1918 bis heute in Tabellen zusammen. Die geführten Interviews lassen nicht nur einen Rückschluss auf die Gründungen zu, sondern geben auch Aufschluss über die zukünftige Entwicklung der ASJ!
Da das Buch so vielseitig ist, kann es nur empfohlen werden. Es bietet nicht nur einen historischen und authentischen Einblick in die SAJD der 1930er Jahre, sondern auch einen lebhaften bundesweiten Blick auf die ASJ-Strukturen heute. Besonders interessant machen die Interviews mit Gruppen und Aktivist*inn*en das Buch für junge und alte Menschen, die der syndikalistsch-anarchistischen Jugendbewegung nahe stehen!
Januar 2012 Aktivisten der ASJ Bonn